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Galvao & Schaefer
#1
LP

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Ach, diese verdammte Melancholie. Da hing sie wieder in dicken schwarzen Wolken über L.A. 30 Jahre muss das her jetzt sein, es war irgendein Dezembertag, und L.A., das war Hamburg-Langenhorn. Wohnsiedlung, Klinkerbau, Wördenmoorweg, oben Dreizimmerwohnungen, unten ein Wäschekeller für alle. Und genau dieser Wäschekeller war die Rettung. Da lärmte es verlockend heraus, während draußen die Melancholie in Form fetter kalter Tropfen aus den Wolken quoll.

Also rein in das Kellerloch, in dem, echt wahr, eine halbe Hundertschaft Teenager rumlungerte und in dem es kaum Licht gab. Wohl auch deshalb nicht, weil der ganze Strom für die fiependen Verstärker draufging. Geklungen hat das irgendwie nach Jesus And The Mary Chain und Velvet Underground, sowas eben. Gemeiner Lärm, grandioses Bo-Diddley-Rumpeln, zu dem zwei Typen herzerweichend grummelten. Kein Fiepen dieser Welt konnte verschleiern, dass es sich bei diesen Typen, die, ich schwöre, aussahen wie die Highschool-Versionen von Lou Reed und John Cale, um zwei unheilbare Melancholiker handelte. Sie mussten nicht singen, um die Lyrik ihrer Lieder in Melodie zu formen. Ein Grummeln reichte.


Der eine hieß Martin Schaefer, der andere Joachim Zweynert. Ihre Band hieß Lilly And The Giggling Cauliflowers. Oder Waterproof, Baby! Oder anders. So genau weiß ich das nach all den Jahren nicht mehr. Martin und Joachimhaben die Jahre drauf noch ein bisschen weitergemacht mit der Musik, dann irgendwann mischten sie wohl, sagte man mir, bei der Internetrevolution und beim Ausbau der deutsch-russischen Handelsbeziehungen mit. Sowas eben, Neunziger- und Nullerjahrekrams.

Jetzt sind sie auf einmal wieder da mit einer neuen Formation. Galvao & Schaefer heißt sie, so wie der Klempnerbetrieb von Martins Familie, die in der Dreizimmerwohnung über dem Wäschekeller im Wördenmoorweg wohnte. Ein paar Kilometer entfernt vom Hotspot der Hamburger Schule, also in Ostwestfalen, wuchs Charlotte Heidsiek auf. Sie spielt fließend Chopin und Sakamoto auf dem Klavier – und ist jetzt an Orgel und Gesang dabei. Außerdem kam dieser irre gute britische Musiker Yusuf B'Layachi dazu, der, unglaublich, aber wahr, eine Zeitlang bei der legendären Punkband Vic Godard & The Subway Sect gespielt hat. Macht bei Galvao & Schaefer jetzt alles mögliche, putzt melodisch aus, wo die beiden anderen Typen sanft grummeln. Hilft aber alles nichts, die verdammte Melancholie ist geblieben.

Allein der Anfang dieses Debüt-Albums 30 Jahre nach Bandgründung: Geht gleich wieder los mit Regen, fühlt sich jedenfalls so an. „Mieser kleiner Tag“ ist der Titel, bezieht sich dann aber doch weniger auf die trübe Witterung als auf den trüben Erlebnishorizont des Sängers. „Kann es sein, dass ich das will, was es gar nicht gibt, das was ich habe, mich nicht mehr liebt, das Glück mich nicht zu fassen krieg, sags mir ruhig, ich kann das ab“, knödelt der Typ trotzig.

Und kriegt dann gleich, er will es ja so, eine Antwort von einer der Charlottes: „Ja, das kann sein, denn Du hast Dich verändert, Dein Leben neu gerändert und Deine Empfindsamkeit abgefendert.“ Wow, was für ein Satz! Der feine Herr-Velvet-Underground-Fan tapeziert seinen Gefühlskosmos im Fender-Sound aus.

Das Tolle ist: Das tun Galvao & Schaefer dann eben doch nicht. Hier geht es, bei allen Bezügen zu Reed und Cale (und zu Forster und McLennan und zu Edwyn und Lawrence undsoweiterundsofort) eben nicht um die Retroisierung der eigenen Gefühlswelt.

So fenderselig die zehn feinen Stücke auf dem Album vor sich hin schunkeln – es gibt immer wieder ungemütliche Duett-Momente, ironische Selbstkommentierungen, und immer wenn die Melodie besonders schön leuchtet, öffnet sich irgendwo ein Abgrund. Etwa wenn im Rumpelpumpellied „Rumbamann“ der Sänger barmt: „Nur wenn ich tanze, geht der Schmerz.“ Oder wenn die Band in „Telefon“ im zartesten Harmoniegesang Wahrheiten singt wie „Jeden Tag wird das Leben kürzer“.

Gegen Ende wird es dann regelrecht heimtückisch. Da gibt es ein Stück, das gefährlich an Velvet Undergrounds „The Gift“ erinnert: repetitiver, unstoppbarer Rhythmus, trockener Sprechgesang, es geht um Karriere und Korrektheitsschwüre, um Verklärung und Selbstgerechtigkeit. Der Sprecher/Sänger lefzt sich richtig in Rage – um sich dann mürbe dem Wetter hinzugeben und heiter-grimmig wieder und wieder mit den Charlottes zu wiederholen: „Es regnet! Es regnet! Es regnet!“

Ach, diese verdammte Melancholie. Man möchte baden in ihr wie in den Liedern von Galvao & Schaefer.


Trackliste:

1. Mieser, kleiner Tag                                                
2. Nada
3. Wir gehen
4. Rumbamann
5. Ganz klein
6. Schwimmen
7. Wälder & Städte
8. Telefon
9.  Es regnet
10. Lombardi

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Artikelart LP
Künstler Galvao & Schaefer
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